Ich wollte nie nach Schweden. Schwups, ich war in Schweden. Sommer 1998 bin ich für ein Jahr als Stipendiatin des Förderprogramms
Erasmus, das in diesem Jahr 25. feiert, abgerauscht nach Lund, einem Städtchen an der Südspitze dieses riesigen Landes, das mich nicht die Bohne interessiert hat. Aber wenn man so bekloppte Fächer studiert wie Komparatistik und Theaterwissenschaft, dann sind Alternativen rar gesät. In meiner Bewerbung für das Stipendium hatte ich von der Bedeutung der schwedischen Theaterliteratur geschrieben, von meiner Bewunderung für Strindberg und Ibsen. Zu dumm, dass Ibsen Norweger war. Ich hab die Förderung dennoch erhalten. Die Professoren haben wohl gedacht, ich hätte Horizonterweiterung so nötig, wie keine andere. Dass Strindberg nicht mein Fall ist und Ibsen tatsächlich ein großartiger Dramatiker war, ist nicht das einzige, das ich in Schweden gelernt habe:
1. Finger weg vom Snus! Dieses Zeug ist vom Teufel gemacht. Es handelt sich um gesalzenen, stark nikotinhaltigen Tabak, den man sich zwischen Oberlippe und Zahnfleisch steckt. Ich habe ihn einmal ausprobiert und für den Rest der Nacht das Funkeln des Wassers in der Kloschüssel bewundert.
2. Ihr entwickelt in Schweden ein neues Verhältnis zum Thema Nacktheit. Irgenwann kommt auf einer Party der Moment, in dem sich ein Schwede die Klamotten vom Leib reisst und die Sauna eröffnet. Spätestens wenn er mit Gebrüll zum See stürzt, während sein Prinz aufgeregt im Wind flattert, solltet ihr mit wogendem Busen hinterherspringen. Morgen kann sich eh keiner erinnern.
3. Schweden sind schön. Aber in meiner kleinen Studentenwelt waren sie alle uniform. Als ich über Weihnachten nach Hause gereist bin und auf dem Hamburger Hauptbahnhof umsteigen musste, hat mich die Erkenntnis getroffen wie ein Schlag: Überall Deutsche mit komischen Frisuren und unmöglichen Klamotten. Ich fand das toll: jeder hässlich, aber auf seine Art.
4. Lernt Schwedisch. Ihr werdet euch fühlen, als wärt ihr einem Geheimbund beigetreten, denn außer euch, mir und den Schweden kann kaum einer Schwedisch. Sobald ihr gebrochen den ersten Kaffee in der neuen Sprache ordert, werden euch die Schweden um den Hals fallen, euch küssen und herzen, weil ihr f-a-n-t-a-s-t-i-s-c-h Schwedisch sprecht.
5. Noch was zur Sprache: Lacht gern, oft und schallend über Studenten aus den USA. Das ist okay. Bis zum Ende meines Aufenthalts haben es die Amerikaner geschafft, sich regelmäßig Buttermilch in den Kaffee zu schütten, weil sie nicht in der Lage waren, sich auch nur drei schwedische Vokabeln zu merken.
6. Wenn die schwedische gegen die norwegische Eishockey-Nationalmannschaft spielt, herrscht Ausnahmezustand. Eure Mitbewohner werden ein Bekenntnis zur neuen Heimat verlangen und euch mit Wikingerhelm und blau-gelber Kriegsbemalung schmücken. Und wenn mal wieder die Krankenhaus-Serie „Geister“ von Lars von Trier läuft und der schwedische Arzt Stig Helmer eine seiner Hassreden gegen die Dänen hält, dann brüllt ihr der Mattscheibe zustimmend „Zur Hölle mit ihnen!“ entgegen — auch wenn ihr in Wahrheit die Dänen viel cooler findet.
7. Hagebuttensuppe schmeckt hervorragend. Rentierburger und Elch-Kebab ebenfalls. Von Surströmming sollte man die Finger lassen. Generell muss man viel Zeit für gemeinsame Essen einplanen. Schweden trinken und singen gern. Man erwartet auch einen deutschen Beitrag. Wenn euch kein Trinklied einfällt, tut es auch Nenas „99 Luftballons“. Dieses Lied ist international.
8. Man trinkt gern einen, gern billig, stark und selbstgepanscht. Wem an seinem Augenlicht liegt, der sollte lieber in staatlichen Shops einkaufen, als sich nach Meister Proper riechenden Klaren aus Plastikflaschen reinzukippen. Nehmt es im Gegenzug einfach hin, wenn man euch für einen Alkoholiker hält, weil ihr euch unter der Woche ein Glas Wein gönnt. Andere Länder, andere Sitten.
9. Aus Verabredungen wie „Mittwoch, 13 Uhr, am Nordkapp“ wird nichts. Ich weiß, das Nordkapp gehört zu Norwegen, aber dieser Tipp gilt für ganz Nordeuropa. Dort herrschen andere Größenverhältnisse, Rheinhessen ist für die ein Fliegenschiss. Meine Reisegruppe ist nicht bis zum Nordkapp gekommen, wir haben uns in Narvik getroffen und es dann aus Zeitgründen dabei belassen.
10. Das schwedische Licht ist berauschend. Nicht im südlichen Lund, aber im Norden. Wer einmal in die Mitternachtssonne geblinzelt hat, der schwärmt für den Rest seines Lebens davon. Noch faszinierender müssen Nordlichter sein, leider habe ich keine gesehen. Aber falls ihr tatsächlich nach Schweden reist und dieses Glück haben solltet, dann denkt mal an mich, nur ganz kurz. Tack tack!