Ich möchte mich bei meinen Nachbarn entschuldigen, aber es ging nicht anders. Zu Ehren des 100. Todestages von Karl May
, Märchenonkel, Kleinkrimineller und Bändiger der Silberbüchse, habe ich den Tag mit dem Kriegsgeheul der Kiowa begrüßt.
Ich habe um 7 Uhr meine Fenster geöffnet, tief eingeatmet und mich zur Anlage begeben, meine liebste Winnetou-Hörspielplatte aufgelegt und den Regler hochgedreht. Und noch weiter hochgedreht. Und die Neustadt beschallt. Es war wunderbar.
Ich liebe diese alten Platten von „Europa“. Zum einen sind sie ehrlich erworbenes Diebesgut, denn ich habe sie dauerhaft von meinem großen Bruder geliehen. Zum anderen duften sie nach Lagerfeuer, nach Friedenspfeife und totem Grizzly. „Winnetou I, Folge 1″, das ist die beste von allen. „Mit Original-Indianermusik und Kriegstänzen“ steht auf der Hülle, wobei mir immer noch nicht klar ist, wie genau mir eine Schallplatte Tänze vermitteln will. Das Grübeln hat jedoch ein Ende, sobald die Stimme von Old Shatterhand (Michael Poelchau) erklingt. Das ist ein Mann! Er ist als Landvermesser unterwegs und — ich fasse die Handlung zusammen: Bär tot, Klekih Petra tot, Winnetou von Kiowa geschnappt, Winnetou heimlich von Old Shatterhand befreit, Old Shatterhand von Apatschen geschnappt — muss um sein Leben kämpfen, weil die Apatschen nicht wissen, dass er eigentlich Winnetous Retter ist.
Das Beste ist der Showdown am Fluss. Häuptling Intschu-tschuna soll die Ehre der Apatschen retten und Old Shatterhand in einem Wettkampf schlagen. Wenn dieser allerdings die Zeder vor dem Indianer erreicht, dann sind er und seine Gefährten gerettet. Der weiße Mann besteht die Prüfung und der edle Wilde Winnetou erkennt, was Old Shatterhand für ein hundscooler Typ ist: „Was für ein Mann ist Old Shatterhand, wer kann ihn begreifen? Du bist frei!“ Und dann: „Mein Bruder Old Shatterhand mag mit mir kommen!“ Darauf Old Shatterhand: „Es war das erste Mal, dass er mich Bruder nannte!“ Ist das groß?!
Schröder hat gesprochen, Howgh!