Er hat gehustet, geschnieft und geschnäuzt, geniest, geräuspert und geseufzt – die ersten Fastentage waren nicht leicht für meinen lieben Kollegen. Das Immunsystem hat die Umstellung offensichtlich nicht ganz so gut verkraftet. Wusste ich’s doch: Diese Fastennummer ist nicht nur unsinnig, sondern noch dazu brandgefährlich!
Jetzt strotzt er wieder vor Kraft, sitzt demonstrativ im T-Shirt neben mir und spricht dem Kollegen am Nachbartisch Mut zu. Der fastet nämlich auch und – Sie ahnen es – schnieft ebenfalls in bedenklichem Ausmaß. Die Unterhaltungen der beiden kann ich nur mit Erstaunen und einem großen Stück Vollmilchschokolade verfolgen. Ihre Erkrankungen bezeichnen die Pestschleudern tatsächlich als „Entgiftung“. Die Vokabel „tapfer“ ist auch schon mehrfach gefallen.
Das passt jedoch ins Bild, habe ich doch schon seit Jahren den Eindruck, dass Fastende in eine Art kollektive geistige Umnachtung fallen. Wie in einem Geheimbund verständigen sie sich in einem Code, in den man sich als Normalsterblicher, der vom Scheitel bis zur Sohle voller Gift ist, nur mühsam hineindenken kann.
Aber was soll’s. Ich faste nicht und fühle mich topfit. Wo ist der nächste Baum? Ich gehe jetzt zum Rhein runter, reiß’ einen aus und pflanze ihn dann einfach wieder ein!
Foto: Harry Braun