Einkaufen ist nichts für Weicheier. Man muss stark und schlau sein und Ahnung von Statik haben. Denn selbstverständlich schreibt man sich als tougher, moderner, stets spontaner Stadtmensch, der alles im Leben lässig und ganz nebenbei organisiert, keinen Einkaufszettel und man nimmt auch keinen Einkaufswagen.
Das Ganze funktioniert so: Ich betrete den Markt. Ich nehme eine Packung Traubensaft, drei Flaschen Wasser, drei Gemüsekonserven, ein Bund Suppengemüse und einen großen Beutel Karotten auf den linken Arm. Ums rechte Handgelenk hänge ich mir einen 2,5-Kilo-Sack Kartoffeln, ums linke ein Säckchen Zwiebeln. Die Bananen verstaue ich in meinen Hosentaschen. Dann wird’s schwierig. Aus Mangel an Alternativen stecke ich mir die drei Orangen kurzerhand in den Ausschnitt. Und das gefrorene Kaisergemüse? Unters Kinn klemmen? Gibt Frostbeulen, also lege ich den Beutel in meine Kapuze.
So langsam pocht mein linker Ellbogen und die Handgelenke werden taub, aber das Päckchen Milch muss noch mit, der Camembert und der Spundekäs. Als ich gerade zum Joghurt greifen will, rempelt mich jemand an. Das Konstrukt auf meinem Arm schwankt gefährlich. Ich springe in die Kühltheke und bringe die Lebensmittel zwischen mir und der Rückwand zur Ruhe. Dabei schramme ich mir die Finger an den Verpackungen auf und mein rechter Fuß landet in einem halben Liter Buttermilch. Mittlerweile läuft mir Kondenswasser vom Kaisergemüse den Rücken hinunter und ich schwitze.
Als ich klackernd den Gang entlanghumpele, sehe ich sie: eine Familienpackung Lebkuchenherzen! Die muss mit! Ich packe sie oben drauf und nehme ab sofort nur noch Menschen ab 1,90 Meter wahr. Ich biege in Richtung Kasse ab, bekomme die Kurve aber nicht ganz. Hinter mir höre ich noch Klopapier von einer Palette fallen, bevor ich mir die Schienbeine an den Eimern mit Schnittblumen stoße. Wasser schwappt tsunamiartig über den Gang und ich schlittere unaufhaltsam Richtung Kasse.
Gerade rechtzeitig knalle ich ans Förderband, da verliert mein Einkaufsturm endgültig die Contenance und ergießt sich in Richtung Scanner. Was für ein Auftritt! Ich gratuliere mir lautstark zu diesem pefekten Timing, tänzele prächtig gelaunt hin und her und will mit der Kassiererin abklatschen, aber die Frau guckt komisch. Ach ja, pardon: Ich hole das aufgeweichte Kaisergemüse aus der Kapuze und lasse die Orangen unterm T-Shirt herauskullern.
Zuhause verstaue ich meine Beute und wasche mir den Schweiß vom Körper. Ich verbinde meine Wunden und putze die angetrocknete Buttermilch vom Schuh. Ich bin erschöpft, aber ich bin auch glücklich. Denn so kauft ein Stadtmensch ein. So. Und nicht anders.